«Batterien sind viel besser als ihr Ruf»
Viele Occasionskäufer haben Vorbehalte, wenn es um den Kauf von Elektroautos geht. Diese sind aber unbegründet, wie eine Analyse des TCS zeigt. Projektleiter Thomas Bollinger erklärt im Interview, weshalb ein E-Auto oft die bessere Wahl ist.
Worauf sollte ich achten, wenn ich mir ein gebrauchtes Elektroauto kaufe?
Da die Batterie mit Abstand das teuerste Bauteil eines Elektroautos ist, würde ich mir eine Occasion auf jeden Fall nur mit Zertifikat kaufen. Wenn das E-Auto über fünf Jahre alt ist oder mehr als 75 000 Kilometer auf dem Tacho hat, ist auch ein Occasionstest des TCS ratsam. So weiss der Käufer genau über die Qualität aller Bestandteile Bescheid. Bei Elektroautos können beispielsweise die Bremsen ein Thema sein, da sie wegen der Rekuperation nur wenig gebraucht werden und deshalb rosten können.
Sie haben den Gesundheitszustand der Hochvoltbatterien von E-Occasionen analysiert. Wie ist Ihr Ergebnis ausgefallen?
Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass praktisch alle Autos, die 2019 und später produziert wurden, bezüglich der Hochvoltbatterie in einem sehr guten bis ausgezeichneten Zustand sind. Der «State of Health» (SoH), also der Gesundheitszustand, betrug bei den meisten geprüften Fahrzeugen mehr als 90 Prozent, unter 85 Prozent fiel keines. Im Gegensatz dazu zeigt sich bei den Baujahren vor 2019 ein breit gestreutes Bild. Dort kann die Qualität von sehr gut bis schlecht reichen.
Wie wurden die Antriebsbatterien getestet?
In den technischen Zentren des TCS setzen wir auf die Batterietests von Aviloo, die über den Diagnoseanschluss des Fahrzeugs den Zustand der Hochvoltbatterie detailliert auslesen. Für unsere Analyse haben wir die Daten von rund 130 E-Autos ausgewertet, die von den TCS-Sektionen Zürich, Bern, Biel und Waadt zwischen Januar und September des letzten Jahres geprüft wurden.
Hat Sie bei Ihrer Analyse etwas überrascht?
Ehrlich gesagt nein. Da ich mich beruflich schon länger mit der Elektromobilität befasse, kannte ich bereits diverse internationale Studien, die ungefähr das Gleiche aussagen: Batterien sind viel besser als ihr Ruf.
Bei welchen Voraussetzungen ist beim Kauf einer Occasion Vorsicht geboten?
Wenn der Verkäufer kein Batteriezertifikat hat und auch keines machen lassen will, wäre ich sehr vorsichtig und würde von einem Kauf abraten. Oder wenn ein Auto erst 4-jährig ist, die Akkukapazität aber nur noch 79 Prozent beträgt, sage ich auch: Finger weg. Denn in einem solchen Fall wurde die Batterie nicht sachgemäss behandelt und beispielsweise ständig auf hundert Prozent geladen.
Ist das Risiko grundsätzlich grösser, bei einem Elektro-Auto eine schlechte Occasion zu erwischen als bei einem Verbrenner?
Ganz im Gegenteil: Unter den Verbrenner-Occasionen werden sie kaum ein Fahrzeug finden, das eine Garantie über acht Jahre oder 160 000 Kilometer auf das wertvollste Bauteil bietet, wie es bei den Elektroautos für die Batterie der Fall ist. Ausserdem steht mit den Zertifikaten eine Analysemethode zur Verfügung, die nicht nur den aktuellen Zustand sehr genau bewertet, sondern auch eine Prognose für die Zukunft abgibt. Natürlich kann man auch einen Verbrennungsmotor testen und elektronisch auslesen, die Möglichkeit besteht aber trotzdem, dass er übermorgen kaputt geht. Dass hingegen eine Batterie ohne Vorwarnzeichen aussteigt, ist eher nicht der Fall.
Und sollte man Occasionen, die die Batteriegarantie überschritten haben, grundsätzlich meiden?
Nein, auch ein zehnjähriges Elektroauto kann noch ausgezeichnet in Form sein, inklusive Batterie. Zudem kann man heutzutage fast jede Batterie reparieren, ein kompletter Austausch ist nur noch sehr selten notwendig. Im Schadensfall reicht es meist, nur ein oder zwei Zellen zu ersetzen, dann funktioniert die Batterie wieder einwandfrei. Am Stammtisch redet man trotzdem noch davon, dass man nach 100 000 Kilometern für 15 000 Franken eine neue Batterie kaufen müsse. Dieses Vorurteil ist inzwischen eindeutig widerlegt.
Muss man sich also wegen der Batterien bei Elektro-Autos keine Sorgen mehr machen?
Grundsätzlich werden die Batterien immer besser und langlebiger – dank hochindustrialisierter und standardisierter Grossserienproduktion. Trotzdem ist es wichtig, dass man eine Garantie hat. Wenn es einen versteckten Mangel an der Batterie gibt, wird er irgendwann in den acht Jahren Garantiezeit auftauchen.
Was spricht sonst noch für ein Elektroauto als Occasion?
Man vergisst oft, wie viel Auto man für das Geld bekommt. Denn oft haben die E-Fahrzeuge im Vergleich zu den Verbrennern deutlich mehr PS, die Beschleunigung ist sowieso rasanter. Zudem sind Elektroautos im Unterhalt und im Betrieb in der Regel günstiger. Besonders attraktiv ist das Preis-Leistungsverhältnis aktuell bei jungen Occasionen sowie bei vierjährigen Fahrzeugen mit weniger als 75 000 Kilometern.
Tipps des TCS-Experten für den Occasionskauf eines Elektroautos:
- Kaufen Sie ein Elektroauto, das auf der Batterie noch mindestens zwei Jahre Garantie hat, also maximal sechs Jahre alt ist. Das beste Preis-Leistungsverhältnis bieten aktuell E-Occasionen ab 4 Jahren mit unter 75 000 Kilometern.
- Verlangen Sie auf alle Fälle ein Batteriezertifikat. Nehmen Sie sich Zeit und lesen Sie es genau durch. Achten Sie nicht nur auf die Prozentzahl des Gesundheitszustands, sondern auch auf die Auswertung bezüglich Zellspannung. Diese muss bei allen Zellen im grünen Bereich liegen.
- Bei E-Occasionen, die älter sind als fünf Jahre, empfiehlt sich ein Occasionstest beim TCS. Es bringt wenig, wenn die Batterie in einem ausgezeichneten Zustand ist, die Bremsen aber verrostet sind oder die Aufhängung defekt.